Die Veranstaltung Der Zirkus kennt keine Grenzen ist allen gewidmet, die gerne „Grenzen“ überschreiten.
 


Wer ist „Der Zirkus kennt keine Grenzen“?

Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte […].Der Herr erschien Abram und sprach: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land. Dort baute er dem Herrn, der ihm erschienen war, einen Altar. Von da brach er auf zum Bergland östlich von Bet-El und schlug sein Zelt so auf, dass er Bet-El im Westen und Ai im Osten hatte. Dort baute er dem Herrn einen Altar und rief den Namen des Herrn an. Dann zog Abram immer weiter, dem Negeb zu Als über das Land eine Hungersnot kam, zog Abram nach Ägypten hinab, um dort zu bleiben; denn die Hungersnot lastete schwer auf dem Land.(Genesis 12)Doch erst zwischen den 1890er Jäher und den Beginn des Erste Weltkriegs 1914 wurde die Ost-West-Wanderung eine wahre Massenbewegung. […] Die Mehrheit dieser hochmobilen Arbeiter blieb weniger als ein Jahr, ehe sie weiterwanderte. […] Besonders die Industriestädte im Ruhrgebiet hatten zunächst nur einen kleinen Kern stabiler Einwohnerschaft. Der wuchs zwar auch an. Aber ein Vielfaches an Menschen blieben nur kurz. Die meisten zogen wie Nomaden durch eine Stadt nach der anderen.   (Christoph Nonn, „Kleine Migrationsgeschichte von Nordrhein-Westfalen“)   

 

Ein Land immer in Bewegung 

Fast jeder fünfter Kölner, Düsseldorfer oder Aachener hat einen nichtdeutschen Pass, ein unzweideutiges Zeichen dafür, dass unsere Region ein Land von Migranten ist. Und das nicht, wie die Mehrheit der Leute denkt, seit der großen Einwanderung, die Mitte der 1950er Jahre aus den Ländern Südeuropas begann, der sogenannten „Gastarbeiter“, die in die Geschichtsbücher der Bundesrepublik Deutschland eingegangen sind. Die Städte an Rhein oder Ruhr sind schon seit längerem Magnete für Zuwanderer. In der Tat wer unter den Bewohnern Nordrhein-Westfalens seine Herkunft nur drei oder vier Generationen zurückverfolgt, wird in den meisten Fällen einen familiären „Migrationshintergrund“ finden. Es ist so, weil die Nordrhein-Westfalen schon spätestens seit dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert eine Wanderungsregion ist, eine Region, die immer in ständiger „Bewegung“ gewesen war, wo Tausende und Abertausende von Menschen ankamen, wo die Menschen von einem Ort zum anderen wanderten. Und die Motive für diese „Bewegung“ sind vor mehr als hundert Jahren wie heute immer die dieselben: Wirtschaftliche, politische, Kriege, Emanzipation vom Elternhaus, von Sozialkontrolle, Streben nach Freiheit. 

 

Es gibt viele Beispiele für diese Wanderung, die erwähnt werden könnten. Zum Beispiel in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg etwa fanden hier ebenfalls schon Millionen Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie vertrieben worden waren, eine Zuflucht und neue Heimat. Bis zum Bau der Mauer im Jahr 1961 kamen Hunderttausende Flüchtlinge aus DDR. Aber, geht man weiter anderthalb bis zwei Generationen zurück, wird der Umfang der Wanderung und der Anteil der Zugewanderten noch gewaltiger. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war der Anteil der Ausländer unter den Einwohnern der damaligen preußischen Provinz Rheinland und Westfalen zwar etwas geringer, wenn auch durchaus beträchtlich. Aber nur etwa die Hälfte der Menschen wohnte an dem Ort, an dem sie geboren worden waren. Zum Beispiel lag die Zahl der Zugewanderten in einigen Ruhrgebietsstädten damals sogar bei zwei Dritteln der Bevölkerung. Sie kamen aus der Eifel, vom Niederrhein, aus Ostwestfalen, aus Ostpreußen und Posen. Nicht wenige hatten Polnisch als Muttersprache, manche auch Italienisch oder Niederländisch. Einwanderung aber auch Auswanderung sind Teil der Realität dieser Region, so auch die rund 400.000 westfälischen und rheinischen Einwohner (ein Exodus) die zwischen 1844 und 1910 in die Neue Welt ausgewandert sind und in Ländern wie Missouri, Wisconsin, Texas, Ohio oder Indiana ankamen. Und heute, wie viele Jugendliche verlassen das Ruhrgebiet und gehen auf der Suche nach Arbeit woanders hin? So erscheinen aus unserer Sicht die bekannteste Einwanderung in Nordrhein-Westfalen aus Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Türkei in den 1950er und 1960er Jahren  bis zur aktuellen Flüchtlingswelle aus Syrien, Irak oder Afrika nur Momente dieses Wanderns, eine kontinuierliche, teilweise intensivere, teilweise reduzierte Bewegung, die aber niemals in Stillstand ist. Ein Wandern das tief in der Geschichte Nordrhein-Westfalens verankert ist, eine Geschickte die eng mit der Migrationsgeschickte verknüpft ist. Zuwanderungserfahrung gehören zur Familiengeschichte der meisten Menschen, die in diesem Land leben. „Wenn man so will, ist deshalb fast jeder Mensch in Nordrhein-Westfalen ein Migrant“   .  

 „Bewegung“ als Geschichte, „Bewegung als Möglichkeit“: Das Projekt „Der Zirkus kennt keine Grenzen“

 

Um an diesen besonderen Aspekt der Geschichte unserer Region zu erinnern wurde das Projekt „Der Zirkus kennt keine Grenzen“ konzipiert. „Der Zirkus kennt keine Grenzen“ ist eine sehr originelle Art und Weise, um über diesen wichtige Migrationsgeschickte zu reden und, wie geschrieben wurde, hat mit fast jeden Bewohner in NRW zu tun. Das Projekt ist konzipiert als eine einzige, große Metapher, um die kontinuierliche Bewegung von einem Ort zum anderen, die jede Form von Auswanderung und Einwanderung bilden, darzustellen. 
 Das Projekt besteht aus einem Stummdokumentarfilm mit dem Titel Circo Togni, der von drei Musikern live untermalt wird. Alles findet unter einem Zirkuszelt statt, das in verschiedene Städte unserer Region zieht. Der Zirkus ist ein Schauspiel, dem die Bewegung im Wesen immanent ist; der Zirkus überschreitet schon immer geografische Grenzen, der Zirkus ist immer auch ein Ort, wo viele Nationalitäten zusammen leben und arbeiten. Und der Dokumentarfilm Circo Togni zeigt uns genau das, mit seinen besonderen Bildern. Vor einigen Jahren hat nämlich die Zirkusfamilie Togni, eine der ältesten und wichtigsten Zirkusfamilien Europas und der Zirkuskunst, ihre ganzen Familienfilme (Normal 8mm und Super8 Filme) der 40er bis 70er Jahre an das Nationale Familienfilmarchiv- Home Movies in Bologna gegeben. Das Archiv hat aus diesem speziellen Material Circo Togni konzipiert. Der Film gibt einzigartige Einblicke in das private und künstlerische Leben der Zirkusfamilie, die immer unterwegs ist, die Grenzen überquert, in ferne Länder reist. 
Das Zirkuszelt, in dem „Der Zirkus kennt keine Grenzen“ stattfinden wird, hat die Funktion eines Symbols: Es symbolisiert die Bewegung, die Wanderung von einem Ort zum anderen, genauso wie „Der Zirkus kennt keine Grenzen“ von einer Stadt zur anderen wandert. Das Zelt als Archetyps der Bewegung, der dem Zuschauer einen unentschiedenen Ort schafft, ein Ort zwischen Ankommen und Weiterziehen, ein Ort der Durchreise der Menschen. 
Die Musiker, die unter dem Zelt den Film mit ihrer Musik begleiten, sind selbst ein konkreter Teil dieser Migrationsgeschichte von Nordrhein-Westfalen. Ein irakischer Musiker, der sein Land aus politischen Gründen während der Saddam-Diktatur verlassen musste, und zwei Italiener, die aus Emanzipationsgründen aus ihrem kleinen Dorf in Süditalien ausgewandert sind. Alle drei haben unsere Region seit mehreren Jahren zu ihrer Wahlheimat gemacht, in der sie leben und arbeiten. Drei verschiedene Menschen, drei verschiedene Musikinstrumente, Nationalitäten und Kulturen, die miteinander wunderbar gearbeitet haben und durch die Kombination orientalischer Klänge mit westlichem Jazz und Elektronik speziell für diesen Film die Musik geschrieben haben. Ihre Emigrationsgeschichte wird in „Der Zirkus kennt keine Grenzen“ konkreter Teil der Veranstaltung: Jeder von ihnen wird vor dem Film den Zuschauern eine Geschichte erzählen, die vertont wird und wo die persönliche Emigrationsgeschichte in der großen und öffentlichen Geschichte der Auswanderung in unserer Region dargestellt wird. Drei Geschichten, die miteinander verknüpft werden. Es wird erzählt von den Motiven, den Schwierigkeiten, kleinen Anekdoten, aber, noch wichtiger, auch den Möglichkeiten, die ihnen diese Wanderung, diese „Bewegung“ von einem Ort zum anderen eröffnet hat. Das ist ein wichtiger Punkt des Projektes, denn „Der Zirkus kennt keine Grenzen“ will diesen Aspekt besonders betonen: „Bewegung“ als Möglichkeit. Möglichkeit, weil diese Wanderung den Anfang eines neuen Lebens sein kann, für diejenigen, die sich auf den Weg gemacht haben, aber auch für diejenigen, die die Reisenden getroffen haben. Eine Veränderung der Leben im positiven Sinne nicht nur für die Ankömmlinge, sondern auch für diejenigen, die bereits am Ankunftsort leben. So hat das Projekt einer Art doppelten Blick auf die zwei Richtungen einer Wanderung: wo wir herkommen, wohin wir als Menschen gehen können.
„Der Zirkus kennt keine Grenzen“ will mit ihrer besonderen Art mitwirken, um klar zu machen, dass die Veränderungen durch Zuwanderung oder Auswanderung, wie sie in diesem Moment durch die Ankunft von Flüchtlingen, die nur die jüngste Form der Wanderung in der langen Tradition der Emigration von NRW ist, Teil unseres Daseins und unsere Geschichte sind. Es will eine Gelegenheit für den Zuschauer sein, um eine Reflexion anzustoßen. „Bewegungen“ bedeuten immer Veränderung in uns selbst als Individuum und in der gesamten Gesellschaft, und dass sie wichtige Triebwerke unserer Gesellschaft waren, sind und sein werden.

 

Das Archiv
Das Nationale Familienfilmarchiv- Home Movies in Bologna existiert seit 2002 und sammelt seitdem Super8-, 8mm- (= Normal8) und 9,5mm-Filmrollen aus ganz Italien und garantiert ihre Konservierung und den Schutz dessen. Das Archiv in Bologna ist im Laufe der Jahre eine der wichtigsten Organisationen in Europa in dem Feld der Sammlung und Konservierung dieser Filmmaterialien geworden.

 

Der Film

Circo Togni (Die Zirkus-Familie Togni – Home Movies)

Italien 2006 - 50 Min. - digital (Originalfilm: 8mm) - Privatfilme aus den 40er-70er mit einer musikalischen Live-Vertonung.
Ein besonderer Dokumentarfilm. Der Film zeigt die faszinierenden Bilder, die die Familie Togni von den 40er bis 70er Jahren gedreht hat. Die Tognis sind eine der ältesten und wichtigsten europäischen Zirkusfamilien. Leben in und aus dem Zirkuszelt, die Zirkus-Vorstellungen, aber auch der Alltag werden von diesen Filmen aufgedeckt. Zauberhafte Bilder, die das Archiv restauriert und gerettet hat, zum Vergnügen für unsere Augen! Bis heute wurde der Film Circo Togni bereits in zahlreichen Kinos und Filmmuseen in Europa gezeigt, aber noch nie in einem Zirkuszelt.